{"id":4,"date":"2008-06-29T16:33:21","date_gmt":"2008-06-29T14:33:21","guid":{"rendered":"http:\/\/wenns-nach-mir-ginge.de\/blog\/?p=4"},"modified":"2011-11-26T12:06:25","modified_gmt":"2011-11-26T10:06:25","slug":"krieg-gegen-den-iran","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wenns-nach-mir-ginge.de\/blog\/2008\/06\/29\/krieg-gegen-den-iran\/","title":{"rendered":"Krieg gegen den Iran?"},"content":{"rendered":"<p>David Wearing hat einen Leserbrief als Reaktion <a href=\"http:\/\/www.guardian.co.uk\/commentisfree\/2008\/jun\/25\/iran.israelandthepalestinians\">auf diesen Kommentar<\/a> im britischen Guardian geschrieben. Ich fand ihn sehr zutreffend, passend auch auf deutsche Mainstreammedien (MSM). Daher habe ich ihn \u00fcbersetzt:<\/p>\n<blockquote><p> Die Sichtweisen der Protagonisten in einem Disput zu verstehen ist essentiell f\u00fcr ein fortschrittliches Herangehen an Sicherheitsfragen.  Das Verhalten eines Akteurs zu erkl\u00e4ren bedeutet nicht es zu billigen; aber es ist erforderlich, um die n\u00f6tigen Einsichten zu gewinnen, um den schlimmsten Ausgang eines Disputs zu verhindern. <\/p>\n<p>Ungl\u00fccklicherweise verzichtet Jonathan Freedland in seinem Artikel \u00fcber die M\u00f6glichkeit eines israelischen Angriffs auf den Iran auf  diese Herangehensweise (<a href=\"http:\/\/www.guardian.co.uk\/commentisfree\/2008\/jun\/25\/iran.israelandthepalestinians\" target=\"_blank\">&#8222;The West Has to Tackle Iran&#8220;<\/a>,  Guardian, 25. Juni 2008).  Freedland h\u00e4tte sowohl die iranische als auch die israelische Perspektive darstellen und beide im Licht der bekannten Fakten kritisch analysieren sollen. Stattdessen \u00fcbernimmt er unkritisch die israelische Perspektive und ignoriert komplett die iranische.\n<\/p><\/blockquote>\n<p><!--more--><\/p>\n<blockquote><p>\nDie vom Iran wahrgenommene Bedrohung ist durchaus real. Zwei seiner Nachbarn sind in letzter Zeit durch die Politik des &#8222;Regime Change&#8220; der USA verw\u00fcstet worden. Der Iran ist umgeben von US-Milit\u00e4rbasen, -Streitkr\u00e4ften und -Verb\u00fcndeten. Drei seiner engen Nachbarn (Pakistan, Indien und Israel) verf\u00fcgen \u00fcber Nuklearwaffen ohne Einbindung in den Atomwaffensperrvertrag, was von den USA geduldet wird. Und die Unterst\u00fctzung von Saddam Hussein durch die USA im Iran-Irak-Krieg ist noch in lebendiger Erinnerung. \u00dcberdies hat die USA 2003 ohne weitere \u00dcberpr\u00fcfung ein umfassendes Friedensangebot des Iran abgelehnt, das die R\u00fccknahme der Unters\u00fctzung f\u00fcr Hisbollah und Hamas sowie die Unterst\u00fctzung f\u00fcr den arabischen Friedensplan beinhaltete (d.h. die Zwei-Staaten-L\u00f6sung, die von der ganzen Welt au\u00dfer der USA und Israel akzeptiert wird).<\/p>\n<p>Es gibt also mehrere Gr\u00fcnde, die dem Iran den Besitz von Nuklearwaffen als notwendig erscheinen lassen, um eine schwerwiegende und unerbittlich scheinende Bedrohung abzuwenden. Diese Gr\u00fcnde haben nichts mit islamistischen Extremismus zu tun oder der erb\u00e4rmlichen Holocaustleugnung Ahmadinedschads. Dennoch wird dieser ausschlaggebende Kontext in Freedlands Artikel ausgelassen. Stattdessen werden die absurdesten israelischen Bef\u00fcrchtungen f\u00fcr bare M\u00fcnze genommen. Zum Beispiel nimmt Freedland offenbar die Idee ernst, dass ein iranisches Regime, das pragmatisch genug ist, mit der USA \u00fcber Afghanistan zusammenzuarbeiten und mit Israel selbst \u00fcber Iran-Contra, auch irrational genug ist, um kollektiven Selbstmord zu ver\u00fcben, indem es Israel grundlos angreift.<\/p>\n<p>Sollte man die Sicht auf den Iran als &#8222;selbstm\u00f6rderische Nation&#8220; nicht Wahnsinnigen wie Alan Dershowitz \u00fcberlassen anstelle den f\u00fchrenden Kommentatoren des Guardian?<\/p>\n<p>Freedland l\u00e4sst wichtige Dinge aus und verwendet gelegentlich eine alarmierende Logik. Zum Beispiel sagt er, dass der Konsens der Geheimdienste, wonach der Iran \u00fcber kein Nuklearwaffenprogramm verf\u00fcgt, in Israel mit Skepsis aufgenommen wird, weil der Jom-Kippur-Krieg das Ergebnis der Untersch\u00e4tzung der arabischen Bedrohung war. Das h\u00f6rt sich so an wie Dick Cheneys &#8222;Ein-Prozent-Doktrin&#8220;, die besagt, wenn eine Bedrohung mit einer einprozentigen Wahrscheinlichkeit existiert, dass dann die USA so handeln sollten, als wenn sie mit Sicherheit existiert. So werden Belege und Vernunft ersetzt durch Fantasie und Unterstellung. Nicht der beste Weg, um zu Beurteilungen zu gelangen, die zur Ein\u00e4scherung von unschuldigen iranischen M\u00e4nnern, Frauen und Kindern f\u00fchren k\u00f6nnten. Ferner wird die Tatsache ignoriert, dass \u00c4gypten 1973 Israel angegriffen hat, nachdem etliche diplomatische Friendsangebote auf der Basis der R\u00fcckgabe gestohlener \u00e4gyptischer Gebiete summarisch abgelehnt wurden, \u00e4hnlich wie 2003 Irans Friedensangebot an die USA und Israel ohne Pr\u00fcfung abgelehnt wurde.<\/p>\n<p>Es ist erstaunlich, dass solche Fragen nur f\u00fcnf Jahre nach dem Massenvernichtungswaffen-Fiasko ignoriert werden k\u00f6nnen, wobei, nicht zu vergessen, unkritische Berichterstattung westlicher Zeitungen eine zentrale Rolle spielte.<\/p>\n<p>Vielleicht war die wichtigste Auslassung die Idee, dass israelische &#8222;Bef\u00fcrchtungen&#8220; vielleicht nicht ganz das sind, als was sie dargestellt werden. Es ist gerade 5 Jahre her, dass die USA einen Angriffskrieg gestartet haben, der unter dem Vorwand einer fabrizierten &#8222;Bedrohung&#8220; auf strategischen Gewinn in Nahost abzielte. Inzwischen sollte es f\u00fcr jede ernstzunehmende Analyse einer von den USA behaupteten &#8222;Bedrohung&#8220; reine Routine sein zu pr\u00fcfen, ob die &#8222;Bedrohung&#8220; nicht f\u00fcr politische Zwecke aufgeblasen oder fabriziert wurde. Geistig weniger gesunde Elemente in der israelischen bzw. der US-amerikanischen Regierung haben allen Grund Vorw\u00e4nde zu schaffen, um einen strategischen Rivalen in der Region auszuschalten zu k\u00f6nnen. Genau hier kommt Cheneys &#8222;Ein-Prozent-Doktrin&#8220; ins Spiel, die Beweise \u00fcberfl\u00fcssig erscheinen l\u00e4sst f\u00fcr Behauptungen, die einen Angriffskrieg entschuldigen. <\/p>\n<p>Freedlands Aufmerksamkeit gilt ganz der Frage, was der Westen tun kann angesichts der Bedrohung durch andere. Jetzt, wo jeder f\u00fcnfte Iraker ein Fl\u00fcchtling ist und jeder f\u00fcnfundzwanzigste eine Leiche, ist es vielleicht wichtiger zu fragen, welche Bedrohung wir f\u00fcr andere darstellen. Eine ausgewogenere Sicht w\u00e4re informativer f\u00fcr Ihre Leser gewesen und produktiver f\u00fcr den Frieden. <\/p>\n<p>Yours sincerely<\/p>\n<p>David Wearing<br \/>\nLondon <\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>David Wearing hat einen Leserbrief als Reaktion auf diesen Kommentar im britischen Guardian geschrieben. Ich fand ihn sehr zutreffend, passend auch auf deutsche Mainstreammedien (MSM). Daher habe ich ihn \u00fcbersetzt: Die Sichtweisen der Protagonisten in einem Disput zu verstehen ist essentiell f\u00fcr ein fortschrittliches Herangehen an Sicherheitsfragen. Das Verhalten eines Akteurs zu erkl\u00e4ren bedeutet nicht [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[6,7],"class_list":["post-4","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-nahost","tag-iran","tag-medien-und-krieg"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wenns-nach-mir-ginge.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wenns-nach-mir-ginge.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wenns-nach-mir-ginge.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wenns-nach-mir-ginge.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wenns-nach-mir-ginge.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/wenns-nach-mir-ginge.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":115,"href":"https:\/\/wenns-nach-mir-ginge.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4\/revisions\/115"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wenns-nach-mir-ginge.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wenns-nach-mir-ginge.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wenns-nach-mir-ginge.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}